ROTER ABGRUND

Was, wenn ein Kontrollverlust in den Abwärtsstrudel führt?

Beim Szenario «Roter Abgrund» verlieren die Stimulierungsmassnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft in den Industrieländern jegliche Wirkung und es kommt zu einer scharfen Rezession. Aufgrund der globalen Vernetzung schwächt sich die gesamte Weltwirtschaft drastisch ab.

 

Der Vertrauensverlust in den Wert des Geldes und die von den Notenbanken kreierte Überschussliquidität führen zu einer hohen Inflation oder gar Hyperinflation und lassen die Kaufkraft der Bevölkerung schwinden.

 

Der wirtschaftliche Kollaps führt zu einer Eskalation der Schuldenkrise. Es kommt zu einem unkontrollierten Austritt von Staaten aus der Europäischen Währungsunion. Ein Dominoeffekt setzt ein und immer mehr Staaten werden in den Abwärtsstrudel gerissen. Auch die Finanzkraft der bisher stabilen Kernländer Europas gerät unter Druck, sodass Hilfsmassnahmen zur Stabilisierung der austretenden Staaten nicht mehr geleistet werden können.

 

Die Politik verliert jegliche Glaubwürdigkeit und die wirtschaftliche Lage in den Industrieländern gerät ausser Kontrolle. Gesellschaftliche Spannungen und politische Radikalisierungen nehmen zu.

HISTORISCHES BEISPIEL

  • Zypern
    Zypern, 2013 – Beinahe-Enteignung von Kleinsparern

    Als der überschuldete Inselstaat mit seinen überdimensionierten und maroden Banken im März 2013 weder ein noch aus wusste, gelangte er mit einem Hilferuf an die Troika aus Europäischer Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds. Diese weigerten sich aber, den gesamten Bedarf an Hilfsgeldern zu decken, und verlangten einen Eigenbeitrag Zyperns, unter anderem in Form einer Zwangsabgabe von mindestens 6.75 Prozent auf allen Sparguthaben, die zur Sanierung der maroden Banken herangezogen werden sollten. Um einen Bank-Run zu verhindern, wurden sämtliche Banken geschlossen. So konnten die Bürger während zehn Tagen kein Geld beziehen. Die drohende Enteignung trieb nicht nur die Zyprer auf die Strasse, zwischenzeitlich stellte sie auch die Einlagensicherheit in Europa generell in Frage. Schliesslich lehnte das zyprische Parlament die höchst umstrittene Sonderabgabe einstimmig ab und bewahrte das Land damit knapp vor einem «Roten Abgrund».

     

    und in Zukunft?
    Anstelle der Zwangsabgabe auf allen Bankeinlagen einigten sich die Troika und die zyprische Regierung schliesslich auf einen Rettungsplan, welcher Sparguthaben von unter 100'000 Euro unangetastet liess. Aktionäre, Anleihegläubiger sowie Kunden der beiden grössten zyprischen Banken mit Einlagen über 100'000 Euro mussten hingegen in erheblichem Umfang zu deren Restrukturierung beitragen. Im Gegenzug beteiligten sich die internationalen Geldgeber mit Hilfskrediten im Umfang von 10 Milliarden Euro an der Sanierung von Staat und Banken. Diese Zahlungen sind an umfassende Reform- und Sparmassnahmen geknüpft. So dürfte Zypern ein langer, steiniger Gesundungsprozess mit tiefen Einschnitten bevorstehen.

  • Argentinien
    Argentinien, 2002 – Zahlungsausfall eines souveränen Staates

    Mit dem Szenario «Roter Abgrund» mussten die Argentinier anfangs des 21. Jahrhunderts schmerzhaft Bekanntschaft machen, als die Regierung nach einer Reihe von Fehlentwicklungen den Notstand ausrief und offiziell die Zahlungsunfähigkeit Argentiniens erklärte. Das Land entschied sich darauf zur überfälligen Abwertung seiner Währung, des Pesos. Dieser verlor innert kurzer Zeit rund 75 Prozent seines Wertes. Aufgrund der fatalen Abwertung wurden weitere einschneidende Massnahmen beschlossen. Ein Grossteil der Konten wurde in festverzinsliche Sparbücher umgewandelt, deren letzte Rückzahlungen erst vor kurzem stattfanden. Das Reallohnniveau ging um rund 20 Prozent zurück und die Armutsquote stieg auf mehr als 50 Prozent.