SCHMERZHAFTE ANPASSUNG

Was, wenn die überschuldeten Staaten den Gürtel massiv enger schnallen?

Die überschuldeten Länder zwingen sich im Szenario «Schmerzhafte Anpassung» eine strenge Austerität auf und setzen rigorose Sparmassnahmen um. So werden beispielsweise Sozialausgaben verringert und Infrastrukturprojekte gestoppt.

 

Das deflationäre Umfeld bringt für die Bevölkerung schmerzhafte Anpassungen mit sich. So findet etwa in den Peripherieländern eine Angleichung der Produktivität an die wirtschaftlich stärkeren Länder über massive Lohneinbussen und Entlassungen statt.

 

Europa durchläuft zum Beispiel eine ausgeprägte Rezession, auch in den bisher wachstumsstärksten Ländern stagniert das Wachstum. Austritte aus dem Euroraum, Staatspleiten und Bankenkonkurse verlaufen in geordneten Bahnen und ein Dominoeffekt auf andere Länder wird verhindert, da Politik und Notenbanken die erforderlichen Massnahmen ergreifen und eine Normalisierung der Geldpolitik anstreben – und dennoch besteht das latente Risiko einer Überforderung der Institutionen und des Abgleitens in den «Roten Abgrund».

HISTORISCHES BEISPIEL

  • Griechenland
    Griechenland, 2010 bis heute – griechische Tragödie

    Griechenland wurde im letzten Moment mit Hilfe von diversen Rettungspaketen in Höhe von 240 Milliarden Euro und einem Schuldenschnitt vor dem Staatsbankrott bewahrt. Doch die rettende Medizin kam mit einem dicken Beipackzettel – niemand muss den Gürtel in der europäischen Staatsschuldenkrise so eng schnallen wie die Griechen. Neben der Anhebung von Steuern zur Erhöhung der Staatseinnahmen forderten die Retter drastische Kürzungen auf der Ausgabenseite. So wurden die Gesundheitsausgaben zwischen 2010 und 2012 um rund ein Drittel reduziert. Vielen Griechen fehlt es mittlerweile an einer medizinischen Grundversorgung. Neben den Beamtenlöhnen wurden auch die Renten massiv gekürzt. Infolge der schmerzhaften Korrekturmassnahmen schrumpfte die griechische Wirtschaftsleistung massiv. Und während die Arbeitslosigkeit mittlerweile jenseits von 25 Prozent liegt, flüchtet die gebildete Elite in wirtschaftlich stärkere Länder und lässt eine perspektivlose Jugend zurück.

     

    und in Zukunft?
    Die angestrebte Privatisierung von Staatsbetrieben verläuft derzeit nur schleppend. Ausländische Investoren interessieren sich kaum dafür. Bis Ende 2015 sollen 150'000 Stellen im öffentlichen Sektor dem Sparkurs zum Opfer fallen. Auf politischen Druck der Troika wurde das Rentenalter auf 67 Jahre erhöht. In jedem Falle aber wird der Weg zurück auf den Wachstumspfad noch viele Jahre in Anspruch nehmen.

  • Estland
    Estland, 2008/09 – warum sich schmerzhafte Reformen lohnen

    Schmerzhafte Anpassungen mussten Estland und Lettland erst vor wenigen Jahren in Kauf nehmen. Zwischen dem EU-Beitritt im Jahr 2004 und dem Jahr 2007 verzeichnete Estland einen Wirtschaftsboom. Von der globalen Finanzkrise 2008 wurde die überhitzte estnische Wirtschaft dann besonders schwer getroffen. Um ausländische Investoren nicht abzuschrecken und die Schulden im Ausland nicht zu erhöhen, verzichtete das kleine Land darauf, seine Währung abzuwerten. Stattdessen musste die estnische Bevölkerung im Zuge einer "internen Abwertung" einschneidende Anpassungsprozesse in Kauf nehmen, welche die Folge von harten Spar- und Reformprogrammen sowie einer Flexibilisierung der Arbeitsmärkte waren. Die estnische Regierung setzte die Reformen innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne um.

     

    ... und heute?
    Die dunklen Wolken haben sich verzogen und die estnische Wirtschaft hat wieder kräftig an Fahrt gewonnen. In puncto Staatsfinanzen kann sich Estland vergleichsweise paradiesischer Verhältnisse erfreuen. So hat Estland mit rund zehn Prozent die geringste Staatsverschuldung innerhalb der Eurozone.